Die Wütenden – Les Miserables 2020

2020 wird in die Geschichtsbücher eingehen. Eines der brisanten, globalen Probleme aktuell ist Polizeigewalt. Artikel, Handyvideos, Berichte von Passanten sprechen Bände über das, was so mancher Gesetzeshüter als seinen Job bezeichnet.

Regisseur Ladj Ly bringt mit Die Wütenden – Les Miserables 2020 die Brutalität seines Pariser Heimatvorortes auf die Leinwand. Anders als Genreklassiker wie La Haine gibt es bei Les Miserables ein bemerkenswertes Detail: Der Film spielt aus der Perspektive dreier Zivilpolizisten.

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Und Polizist Stephane trifft in seiner neuen Heimat Montfermeil auf seine Kollegen Chris und Gwada. Zusammen gilt es, den Frieden im Pariser Vorort zu erhalten. Das Verhältnis zwischen der Banden ist gereizt. Im Großen und Ganzen klappt das Zusammenleben in dem multikulterellen Viertel aber. Selbst die drei Polizisten sind zunächst keine große Bedrohung – bis das Löwenbaby Little Johnny aus dem Zirkus gestohlen wird.

Traumatisiert

Der minderjährige Löwendieb Issa und seine Freunde setzen sich bei seiner Verhaftung zur Wehr – dann wird Issa von Gwada im Gesicht verletzt. Zum Glück könnte eine Drohnenaufnahme der Gewalttat für Gerechtigkeit sorgen – die drei Polizisten beschlagnahmen das Video jedoch und vertuschen den Angriff. Im Überfluss wird Issa als Strafe in einen Löwenkäfig geworfen. Weder Stephane, noch Gwada oder Chris verhindern das. Daraufhin wird der physisch und psychisch verletzte Issa freigelassen.

Rue Picasso 7 und Schluss

An einem der nächsten Tage patroullieren die Polizisten durch Montfermeil und werden von einer Gruppe Jugendliche attackiert. Sie stürmen in ein Wohnhaus und werden dort weiter vom Mob in die Enge getrieben. Chris wird von einem Geschoss am Auge verletzt. Verstärkung trifft nicht ein. Am Ende der langen Szene voller Konfrontation stehen sich Issa und Stephane gegenüber. Stephane mit Pistole, Issa mit Molotowcocktail in der Hand. Ende.

Sie haben keinen Respekt, sie haben Angst vor Euch

Die Stadt hat kein Vertrauen in die drei. Vor allem der unberechenbare Chris missbraucht seinen Status als Polizist. Er missachtet persönliche Komfortzonen, beleidigt und bedroht Menschen. Er zerstört wahllos Gegenstände und wird handgreiflich. Gwada und Stephane versuchen ihn meist zu beschwichtigen, aber schweigen letztendlich. Die Loyalität zur Polizei ist größer als ihr moralisches Empfinden. Der Freund und Helfer ist für die Schutzbedürftigen in Montfermeil ein Feind.

Was hat sich seit 2005 verändert?

Ladj Ly bezieht sich bei Die Wütenden unter anderem auf die Unruhen in und um Paris 2005, bei denen Menschen starben. Er selbst kennt den Drehort des Films wie seine Westentasche. Polizeigewalt, Korruption und Unruhen sind eine Thematik, die man sich nicht einfach wegwünschen kann. Sie ist omnipräsent. Sogar, wenn Frankreich Weltmeister wird. Oder gerade dann.

Ly zeichnet ein authentisch-aggressives Montfermeil voller Hoffnung. Wie so oft verschwimmt die Grenze zwischen richtig und falsch. Ein simples Unterteilen in Schubladen kann man sich nicht erlauben.

Es gibt weder Unkraut, noch schlechte Menschen! Es gibt nur schlechte Gärtner

Eine viel ältere Inspiration für Ly ist Victor Hugos Die Elenden – Les Miserables aus dem Jahr 1862. Ein Ex-Häftling kommt frei, wäscht sein Gewissen rein, kann sich aber niemals von der Herabsetzung eines verbitterten Polizisten lösen. Auch dort die Moral: Das Gute steckt im vermeintlich Bösen, das Böse im vermeintlich Guten.

Seit 1862 und vor allem nach den wiederholten Fällen brutaler Polizeigewalt 2020 stellt sich eine zeitlose Frage: Was ist Gesetz und was ist Recht? Im Falle von Stephane, Chris und Gwada klaffen diese beiden Ideen weit auseinander.

Vielleicht habt Ihr die Antwort.

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